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Ausführungen von

Herrn Dr. Andreas Kreimeyer, Vorsitzender des Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung im VCI,

am 19. August 2009 vor der Presse in Frankfurt

 

(Es gilt das gesprochene Wort)

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Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Chemie macht Zukunft – mit innovativen Produkten, Verfahren und Technologien sowie mit Investitionen in moderne Produktionsanlagen sichern wir zukunftsfähige Arbeitsplätze. Die Industrie zeigt hier hohes Engagement. Wir sind jedoch auch auf die Unterstützung der Politik angewiesen. Unsere Innovationskraft und internationale Wettbewerbsfähigkeit müssen mit verstärkten Investitionen in Wissenschaft und Forschung, einer Offensive für Bildung und mit geeigneten Rahmenbedingungen am Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland nachhaltig unterstützt werden. Auf diese Themen möchte ich im Folgenden eingehen.

 

Meine Kernbotschaften in Kürze:

 

1.Die Chemieindustrie ist nach wie vor wichtigster Technologie-Impulsgeber für viele Branchen in Deutschland.

2.Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE) der deutschen Chemie sind im Jahre 2008 gestiegen und liegen mit voraussichtlich 8,4 Milliarden Euro nach wie vor auf hohem Niveau.

3.Die deutschen Chemieunternehmen haben 2008 wieder mehr Chemiker eingestellt.

4.Deutschland zählt international nach wie vor zu den wichtigsten Innovationsstandorten für die Chemie; aber Asien gewinnt als Standort für Forschung und Entwicklung zunehmend an Bedeutung.

5.Innovation und Partnerschaft sind für den nachhaltigen Erfolg unserer Branche unverzichtbar, und

6.wir benötigen politische Rahmenbedingungen, die unsere Innovationskraft und internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken.

 

 

Chemieindustrie gibt wichtige Technologie-Impulse

60 Prozent der gesamten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung der deutschen Hersteller von Materialien und Vorprodukten entfallen auf die Chemie. Sie ist damit wichtigster Lieferant von neuen Materialien und Vorprodukten sowie von Ideen und Anwendungs-Know-how für viele andere Branchen und damit ein unverzichtbarer Eckpfeiler in unserem Innovationssystem.

Auch ein Blick auf die Patentstatistik bestätigt diese Aussage. Sie zeigt, dass Chemiepatente für die Entwicklung neuer Technologien in anderen Industriezweigen von hoher Bedeutung sind. Von allen branchenübergreifenden Technologieimpulsen kommen gut 20 Prozent aus der Chemie. Damit sind wir vor dem Maschinenbau der wichtigste Technologie-Impulsgeber in Deutschland.

Aufwendungen der deutschen Chemieindustrie für FuE gestiegen

Die deutsche Chemieindustrie hat im Jahr 2008 für Forschung und Entwicklung 8,4 Milliarden Euro ausgegeben. Das ist ein Plus von rund 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 17 Prozent der gesamten FuE-Aufwendungen der deutschen Industrie entfielen damit 2008 auf die Chemie (vorläufige Zahlen).

Die Zahlen zeigen, dass die Chemie unverändert zu den forschungsintensiven Branchen in Deutschland zählt. Über 60 Prozent unserer Unternehmen treiben kontinuierlich Innovationen voran, und das mit Erfolg. Mit Produkten, die nicht älter als drei Jahre sind, erzielen deutsche Chemieunternehmen Umsätze von 30 Milliarden Euro. Das entspricht 17 Prozent des gesamten Branchenumsatzes.

In keiner anderen Branche ist der Anteil der forschenden Unternehmen so hoch wie in unserer. Unser überdurchschnittlich hohes FuE-Engagement spiegelt sich daher auch in der Personalstruktur der Unternehmen. 9 von 100 Chemie-Beschäftigten arbeiten in einem Forschungs- oder Entwicklungslabor. Im Verarbeitenden Gewerbe dagegen sind durchschnittlich 5 von 100 Beschäftigten in Forschung und Entwicklung tätig.

Einstellungen von Chemikern gestiegen

Im Jahr 2008 haben die Chemieunternehmen rund 400 Chemiker eingestellt; 2007 waren es etwa 360. Die Zahl der Neueinstellungen ist somit seit 2004 steigend. Für 2009 müssen wir allerdings davon ausgehen, dass es für die Chemieabsolventen schwieriger wird, einen Arbeitsplatz in der Branche zu finden.

Bedeutung des Innovationsstandorts Deutschland für die globale Chemieindustrie hoch, aber Asien gewinnt zunehmend an Bedeutung

International ist Deutschland nach wie vor einer der wichtigsten Innovationsstandorte für die chemische Industrie. Rund 11 Prozent der weltweiten FuE-Gelder in der Chemieindustrie werden hier ausgegeben; das ist deutlich mehr als der Anteil Deutschlands an der globalen Chemieproduktion, der bei gut 7 Prozent liegt.

Eine aktuelle Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim, und des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Hannover macht aber auch deutlich: Der internationale Wettbewerbsdruck auf die Innovationsschmiede Deutschland steigt. Die zunehmende Wirtschaftskraft Asiens stärkt die Innovationskraft dieser Region. Länder wie China und Indien haben sich in den letzten Jahren enorm angestrengt und leistungsfähige Forschungsnetzwerke an den Universitäten aufgebaut. Dies zeigt beispielsweise die zunehmende Zahl wissenschaftlicher Publikationen asiatischer Forscher. So liegt der Anteil der aufstrebenden Länder Asiens an den wissenschaftlichen Chemiepublikationen weltweit mittlerweile bei knapp 30 Prozent, vor 10 Jahren waren es lediglich 12 Prozent.

Unsere Unternehmen haben im Zuge der Globalisierung deshalb nicht nur Produktionstätten in Asien aufgebaut. Mittlerweile forschen sie dort auch immer mehr. Die Firmen arbeiten an speziellen kundennahen Anwendungen in direkter und enger Zusammenarbeit mit unseren lokalen und internationalen Kunden. Es ist für uns bereits seit vielen Jahren nicht mehr selbstverständlich, die Forschungsgelder nur in Deutschland auszugeben. Wir forschen dort, wo unsere Produkte entwickelt und vermarktet werden. Daher nutzen wir verstärkt die Möglichkeiten des rasant wachsenden asiatischen Wissens- und Forschungsnetzwerkes. Vom weltweiten Forschungsetat der Chemiekonzerne mit Stammsitz in Deutschland werden durchschnittlich 40 Prozent im Ausland ausgegeben.

Innovation und Partnerschaft für nachhaltigen Erfolg unverzichtbar – gerade auch in Krisenzeiten

Was können wir als deutsche chemische Industrie jetzt tun, um unsere Wettbewerbsposition gerade in der Krise weiter auszubauen, damit eine gute Startposition für den nächsten Aufschwung gesichert ist?

 

Wir sind in den letzten 100 Jahren in der chemischen Industie durch viele Krisen gegangen. Aber wir sind jedes Mal gestärkt hervorgekommen, weil wir uns an zwei Erfolgsfaktoren gehalten haben: Innovation und Partnerschaft. Dazu stehen wir auch in dieser Krise:

 

·Wir wissen aus unserer aktuellen VCI-Trendumfrage, dass die Chemiefirmen auch in den gegenwärtig schwierigen wirtschaftlichen Zeiten an ihren hohen Forschungsausgaben festhalten wollen.

 

·Die Zusammenarbeit der Branchen in der Produktentwicklung wird intensiver und enger, die Zahl der Innovationsallianzen nimmt zu.

 

Dabei kooperieren nicht nur kleine, mittelständische und große Unternehmen erfolgreich miteinander. Auch die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie wird immer wichtiger. Rund ein Drittel der Chemieunternehmen kooperiert bereits eng mit Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen – und das nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Zunehmend wird dabei auch interdisziplinär geforscht.

 

Wir setzen Innovationsgeist, Tatendrang und Wissen ein und suchen Antworten auf drängende Herausforderungen der Zukunft wie zum Beispiel

·Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung und Versorgung mit sauberem Wasser,

·dem steigenden Energiebedarf und

·zunehmenden Anforderungen an Transport und individuelle Mobilität.

 

Die Chemie als Querschnittsindustrie ist bestens gerüstet, Lösungen für diese Herausforderungen zu finden und damit auch erfolgreich aus der Krise zu gehen. Mit neuen Produkten und Verfahren verschaffen wir uns Wettbewerbsvorteile für den nächsten Aufschwung.

 

1.Ernährung der Weltbevölkerung und Versorgung mit sauberem Wasser

Mit der wachsenden Weltbevölkerung wird auch der Bedarf an Nahrungsmitteln und sauberem Wasser signifikant steigen. Wir müssen heute die Technologien von morgen entwickeln, um für eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung Sorge zu tragen. Der Grünen Biotechnologie wird dabei eine Schlüsselfunktion zukommen. Dieser Punkt wird ausführlich in einer VCI-Pressekonferenz Anfang Oktober adressiert werden, so dass ich hier nicht vorgreifen möchte.

 

2.Energiemanagement

Die chemische Industrie arbeitet daran, künftig noch bessere Wärmedämm-Materialien zu liefern, damit unsere Häuser deutlich weniger Heizenergie benötigen. Würden zum Beispiel sämtliche Altbauten in Deutschland mit innovativen Dämmstoffen und weiteren energiesparenden Komponenten saniert, könnten neben erheblichen Heizkosten über 80 Mil­lionen Tonnen CO2 jährlich eingespart werden. Das entspricht in etwa den CO2-Emissionen, die durch den Automobil-Benzinverbrauch in Deutsch­land jährlich verursacht werden.

 

Das Treibhausgas CO2 wird man künftig möglicherweise sogar stofflich für chemische Synthesen verwerten können. Dies ist zweifellos eine riesige Aufgabe für die Chemieforschung. Wir engagieren uns auf diesem ehrgeizigen und hinsichtlich des Erfolges durchaus riskanten Forschungsgebiet.

 

Oder denken Sie an die klimaschonendere Erzeugung von Energie. Schon heute forschen wir auf dem Gebiet der organischen Fotovoltaik. Hier sind organische Materialen Schlüsselkomponenten für die nächste Generation von Solarzellen. Die Nanotechnologie wird hier eine wichtige Rolle spielen.

 

3.Transport und Verkehr

Mittelfristig werden wir auf Elektroantriebe in unseren Autos umsteigen müssen, um das Klima zu schützen und fossile Brennstoffe zu schonen. Hochleistungs-Lithium-Akkumulatoren mit langer Lebensdauer und optimierten Wirkungsgraden im Lade- und Entladeverhalten sind auf maßgeschneiderte Materialien angewiesen; Schlüsselkomponenten hierfür sind Elektroden, Membran-Separatoren und Elektrolyte. Ein Lieferant für diese neuen Materialien und damit Innovationsmotor für diese Hightech-Entwicklung wird wiederum die Nanotechnologie sein.

 

Viele Innovationen in Bereichen wie Klimaschutz oder Automobil sind ohne die Nanotechnologie nicht möglich. Deutschland gehört hier zur Weltspitze, in Europa sind wir sogar führend. Wir wollen, dass dies so bleibt. Deshalb sollte man keine neuen Innovationshemmnisse in Europa aufbauen, indem man beispielsweise Spezialgesetze für Nanomaterialien einführt. Die bestehenden deutschen und europäischen Chemikalien- und Umweltvorschriften gelten schließlich auch für Nanomaterialien.

 

Wir nehmen diese Vorschriften und die damit verbundene Sicherheitsforschung für unsere Produkte sehr ernst. Gerade die deutsche chemische Industrie beteiligt sich intensiv an nationalen, europäischen und internationalen Projekten zur Sicherheitsforschung. Das gilt natürlich auch für die Nanotechnologie. Für unsere Mitgliedsunternehmen hat der VCI ein umfangreiches, international viel beachtetes Informationspaket herausgegeben: mit Leitfäden und Empfehlungen zum sicheren Umgang mit Nanomaterialien am Arbeitsplatz, zur Behandlung von Nanomaterialien unter REACH, zur Information in der Lieferkette und zur Sicherheitsforschung. Und auch der Dialog mit der Öffentlichkeit ist uns besonders wichtig. Wir engagieren uns deshalb seit mehreren Jahren im sogenannten Nano-Dialog der Bundesregierung, um sachliche, faktenbasierte Informationen zu dieser Technologie zu liefern.

 

Politik muss geeignete Rahmenbedingungen schaffen

Forschen und entwickeln kostet viel Geld. Sehen wir uns die FuE-Kennzahlen genauer an, dann sieht man, dass die Zuwächse zu einem großen Teil auf die Pharmasparte entfallen. Die Forschungsaufwendungen der „reinen“ Chemie stagnieren in Deutschland bei gleichzeitigem Aufbau von FuE-Netzwerken im Ausland. Damit die klassischen Chemieunternehmen wieder mehr in Deutschland forschen, brauchen wir auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Gerade jetzt sind gesellschaftliche Investitionen in Forschung und Bildung notwendiger denn je. Hier sollten wir den USA nacheifern: Die amerikanische Regierung hat die Forschungsausgaben so stark wie noch nie gesteigert – um 32 Milliarden Dollar.

 

Die aktuelle ZEW-Studie zeigt, was in Deutschland fehlt: Ein Instrument, mit dem die Innovationsanstrengungen der Industrie honoriert werden. Und hierfür eignet sich am besten die steuerliche Forschungsförderung. Denn ein solches Instrument bietet forschenden Unternehmen mehr Chancen für Innovationen. Die steuerliche Forschungsförderung ergänzt die bestehende Projektförderung. Frankreich macht es vor: In kurzer Zeit hat dort das gesamte Innovationssystem der Wirtschaft durch die neu eingeführte steuerliche FuE-Förderung starke Impulse erfahren und die Wachstumskräfte wurden spürbar mobilisiert. Für die steuerliche Forschungsförderung wendet Frankreich mittlerweile 4Milliarden Euro jährlich auf.

 

Wie sollte dieses Instrument in Deutschland aussehen? Forschende Unternehmen sollten mindestens 10 Prozent der gesamten eigenfinanzierten FuE-Aufwendungen von ihrer Steuerschuld abziehen dürfen. Schreibt das Unternehmen Verluste, sollte es eine entsprechende Steuergutschrift ausgezahlt bekommen. Dieser sogenannte Tax-Credit in Höhe von mindestens 10 Prozent erscheint für Deutschland angemessen, denn unter den großen Industrienationen sind Steuergutschriften in Höhe von 8 bis 20 Prozent üblich. Für die steuerliche FuE-Förderung müsste Deutschland ein ähnlich hohes Volumen wie unsere französischen Nachbarn zur Verfügung stellen.

 

Wir plädieren dafür, die steuerliche Forschungsförderung für große und kleine Unternehmen zügig einzuführen. Schließlich soll Deutschland eine Top-Adresse für unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilungen bleiben.

 

Zukunft braucht kluge Köpfe. Denn ohne kluge Köpfe kein Wissen, keine Ideen und keine Innovationen. Die Nachwuchssicherung ist für die Chemieunternehmen daher ein Schlüsselthema. Der VCI engagiert sich hier seit vielen Jahren: Mit jährlich rund 8,5 Millionen Euro fördern wir die Chemieausbildung an Schulen und den wissenschaftlichen Nachwuchs an den Hochschulen.

 

Doch letztlich ist hierbei vor allem der Staat gefordert. Im Gegensatz zu Deutschland haben in den vergangenen Jahren beispielsweise viele asiatische Länder deutlich mehr für die Ausbildung ihrer jungen Menschen getan. Wichtig wäre es jetzt, die Universitäten und Forschungsinstitute in Deutschland international wettbewerbsfähig zu finanzieren und den Forschungseinrichtungen ausreichende Freiräume zu gewähren, etwa bei der Berufung von Spitzenwissenschaftlern. Nur so bleiben unsere Hochschulen wettbewerbsfähig.

 

Damit sich die Chemieindustrie im internationalen Wettbewerb nachhaltig behaupten kann, brauchen wir in Deutschland die weltweit besten Rahmenbedingungen. Wir brauchen die besten Chemiker, die besten Physiker, die besten Ingenieure. Denn nur wer besser und schneller ist, kann im globalen Wettbewerb bestehen. Die Chemie wird ihren Beitrag dazu leisten!

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